SPRECH-Nachrichten, 5. Feb. 2015

Leitartikel: „Streit’ mit mir!“

„Bitte! Streit’ mit mir!“

Ich streite gern.

Ja! Ich bin bekennende und lustvolle Verbal-Ranglerin. Nein, nein! Bleiben Sie da! – Ich tu’ niemandem etwas zuleide. Verantwortungsvolles Diskutieren hat nichts mit Kampfrhetorik zu tun – der Disput lebt von starker Argumentation, nicht von schweren Verletzungen. Ein Redner trägt auch beim Streiten für die Trias der Rhetorik Verantwortung: für sich selbst, für den anderen und für den Inhalt/den Streitgegenstand.

Aber kann denn eine Debatte überhaupt „opferlos“ ausgehen?

– Ja, sie kann! Sie soll! Denn das Wesen wahrer Streitkultur ist die gegenseitige Wertschätzung. Nur: treffend und logisch zu argumentieren ist halt ungleich anstrengender, als die Gesprächspartnerin persönlich anzugreifen und sie – schnell mal aus der Hüfte - zu diskreditieren. Es ist ganz einfach, Pauschalaussagen hinauszuschleudern („Na, das kennen wir ja von den Männern/den Ausländern/Ihrer Partei“) oder in einem Hasenhaken zum Du-Angriff überzugehen („Du bist immer ignorant!/Ihr Anliegen ist immer nur Gewinnmaximierung!/Sie sind nicht an Lösungen interessiert!“).

Ist es nicht armselig, die anderen `runterzumachen, damit ich ein wenig an Land gewinne?

Und doch bewegen sich unsere Hick-Hacks meist nur im eng gesteckten Rahmen von „wir sind die Guten“ und „die anderen sind die Bösen“. Eingehen auf die Position des anderen, sie logisch auszuhebeln, klar und strukturiert für den eigenen Standpunkt einzutreten, das wahre Pro und Contra deutlich zu machen, das vermisse ich meistens. Schmerzlich. – In der Öffentlichkeit, in der Politik, in der Wirtschaft und auch privat.

Herbert Krejci, langjähriger Generalsekretär der Industriellenvereinigung sagte einmal in einem Interview, dass das Wesen der früheren Sozialpartner gewesen wäre, die „Grenze des Zumutbaren für den anderen zu kennen“. Harte Verhandlungen und hitzige Debatten zu führen, heißt nicht, dass der Meinungsgegner einem vollkommen egal ist. Ein Sparring-Partner ist immer noch ein „Partner“. Und je mehr es mir gelingt, Respekt für den Menschen zu signalisieren, egal wie wenig ich von seiner Sache halte, umso eher werde ich selbst als ebenbürtiger Gegner akzeptiert werden und der Streit kann ein fruchtbarer sein. Wenn Streiten unter dieser Prämisse steht, ist es lebendig und kann etwas bewegen. Die Energie kann direkt vom Scharfschießen, Selbstbeweihräuchern und Wundenlecken abgezogen und für produktives Mit-/Gestalten verwendet werden.

Was kostet es uns denn, wenn wir uns dem Diskurs stellen und uns aufeinander einlassen?

Naja, - es ist ein wenig mühsamer! Wir müssen etwas tun. Wir müssen fachlich aufrüsten und argumentativ sattelfester werden. Und, … es braucht ein wenig Mut um auf Harnisch und Lanze zu verzichten.

Und was gewinnen wir?

Nicht weniger als Größe, Souveränität, Glaubwürdigkeit, Sympathie und Überzeugungskraft. In Zeiten der grassierenden Politikverdrossenheit sei es unseren politisch Verantwortlichen und uns selbst, als mündigen Bürgern, ins Stammbuch geschrieben:

„Wer andere groß macht, wird selber groß, wer andere klein macht, wird selber klein.“ (Rupert Lay)

Ganz in diesem Sinne: „Bitte! Streit’ mit mir!“

Sprechtrainerin Petra Maria Berger: "Darüber freuen wir uns." (Foto: www.weinfranz.at)

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