SPRECH-Nachrichten, 20. Nov. 2015

Leitartikel: „Haltung, Auftreten und Selbstbewusstsein“

Homo erectus … und welche Figur machen Sie?

Körperhaltung ist wichtig, sagen Physiotherapeuten und Orthopäden. Ja. Eh. Aber was bitte hat Haltung mit Stimme und Rhetorik zu tun? – Alles!

Mit der Haltung fällt und steht die ganze Sprechweise, das ganze Auftreten eines Menschen.

Körperhaltung ist ursächlich für Stimme und Stimmung verantwortlich. Sie beeinflusst was wir wie sagen und was wir wie empfinden.

Dass Stimm- und Sprechtechnik bei der Haltung beginnt ist schnell erläutert. So wie jedes Instrument und jedes HiFi-Gerät einen ganz bestimmten technischen Bauplan hat, so folgt auch unser Körper in seinem Knochengerüst und seinem genialen Muskel- und Nervensystem einem Plan. Die Wirbelsäule des aufgerichteten Menschen ruht in ihrer Doppel-S-Form im Schwerpunkt auf sich selbst. Verformt man sich selbst zum „Croissant“, müssen die Muskeln Schwerarbeit leisten, um die Krone der Evolution vor dem Umfallen zu bewahren. Einzelne Muskeln sind aber niemals isoliert: jede Verspannung zieht zwangsläufig eine andere nach sich, automatisiert sich und mündet in einer Fehlhaltung. Gut 90 % der Probleme, mit denen Menschen zu mir kommen (z. B. zu schnelles, zu leises, zu unartikuliertes, zu gepresstes Sprechen), resultieren letztlich aus so einer falschen und kraftraubenden Verwendung des menschlichen Stimmapparates. Und oftmals sind es gar keine fatalen Erscheinungsbilder die daran schuld sind. Es ist ein nett schief gehaltener Kopf, eine ständig minimal hochgezogene linke Schulter, ein nach hinten gekipptes Becken oder eine permanent angespannte Bauchdecke. Also kurz gesagt: der sprechende Mensch ist zu allererst ein Instrument auf dessen Stimmung Wert gelegt werden muss. – Ist das Instrument richtig aufgestellt und gestimmt, passt die Stimme und auch die Stimmung.

„Haltung“ (wir haben im Deutschen das selbe Wort für „posture“ und „attitude“!) sagt all das aus, was eine Persönlichkeit ausmacht. Es heißt, der Körper sei der Handschuh der Seele – was sie bewegt, drückt er nonverbal aus. Mut, Frohsinn, Hektik, Niedergeschlagenheit … alles hat seine eigene Entsprechung in der Sprache des Körpers. All diese Einstellungen haben ihre eigenes Muskel-Knochen-Zusammenspiel; ob ich Rückgrat beweise und ein aufrechter Charakter bin, ob ich den anderen die Stirn biete oder … doch eher die Kehle. (Die deutsche Sprache ist voller Hinweise!)

Es kommt schon vor, dass man einen Durchhänger hat und im Sofa herumlungert. Das gehört auch dazu. Aber möchten Sie, dass Ihr äußeres Erscheinungsbild auf der Straße oder im Büro ein kraft- und antriebloses ist? Die hübschesten jungen Frauen werden zu unattraktiven Duckmäusern, und die g’standensten Männer zu saftlosen Lümmeln wenn sie vergessen, dass sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. Selbstbehauptung hat etwas mit Stolz - nicht zu verwechseln mit Arroganz - zu tun. Ein stolzer Massai-Krieger und ein selbstbewusstes Model haben eines gemeinsam: Haltung! (Von einem Model hörte ich übrigens unlängst im Fernsehen den einprägsamen Rat: „Ass back! Head up! Nose down!“ Ich schmücke mich mit fremden Federn und gebe ihn hiermit gerne weiter.)

Es stellt sich also allenthalben die Frage: „Durchsetzungskraft“ oder „Abhängen“?

Bevor Sie sich aber, vielleicht vorschnell, für die bequemere Variante entscheiden, sei Ihnen noch Folgendes verraten: Haltung wirkt nicht nur nach außen, sondern vor allem auch nach innen! Sie fühlen sich so, wie Sie sitzen, gehen, stehen. Die klugen Peanuts bringen es in einem Cartoon fabelhaft auf den Punkt, als die kratzbürstige Lucy dem niedergeschlagenen, Schultern und Kopf hängen lassenden Charly Brown hinterher keift: „Wenn Du Dich nicht besser fühlen willst, dann hebst Du Deinen Kopf nicht!“ Probieren Sie es aus! – Siehe Sprech-Tipp unten.

Die Arbeit an Stimme, Rhetorik und Persönlichkeit beginnt mit einer einfachen Formel: Eine entspannte, aufrechte Haltung fühlt sich souverän an und drückt Souveränität aus.

Und so wünsche ich Ihnen herzlich, stets der Souverän im eigenen Leben zu sein!

Sprechtechnik-Tipp zum Leitartikel

Gesangspädagogen sagen zum Brustbein „Stolzknochen“ – eine sehr treffende Bezeichnung, die ich Sie erfühlen lassen möchte: Sie sitzen bequem im Sessel. Sacken Sie jetzt zusammen! – Becken rund, Schultern nach unten/vorne. Heben Sie nun den Kopf und stellen Sie sich vor, Sie müssten mit jemandem vor Ihnen reden! Jetzt drehen Sie mit ihrer rechten Hand an einer imaginären großen Kurbel neben Ihrem Becken eben jenes nach vorne – bis der „Hintern“ das „Hinterste“ ist und Sie aufgerichtet sind. Schultern und Brustwirbelsäule bleiben dabei die ganze Zeit entspannt! Am Ende thront der Kopf wieder aufrecht auf seinem Platz, der „Stolzknochen“ ist wieder da und drückt Präsenz aus. Spüren Sie, wie sehr sich das Empfinden vom vorigen unterscheidet? Und das tut es in jeder Haltung, in jeder kleinen Änderung von Kopf, Händen, Becken, etc.

Fühlen Sie nach, welchen Unterschied es macht, wenn Sie Ihren Kopf schief legen, wenn Sie mit jemandem sprechen!

Der erste Empfänger für Körpersprache sind immer Sie selbst!

Sprechtrainerin Petra Maria Berger: "Darüber freuen wir uns." (Foto: www.weinfranz.at)

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