SPRECH-Nachrichten, 18. Okt. 2021

Leitartikel: „Hör’ mir zu!“ – Gedanken zur Kunst des Zuhörens

Meine Tochter sieht mir gerade über die Schulter: „Zuhören? Das können nur ganz wenige Menschen.“ - Was für eine bittere Feststellung. Aber wir wissen es aus eigener Erfahrung sehr gut: oft fällt es uns einfach schwer, die nötige Aufmerksamkeit aufzubringen, um Aussagen vollständig zu folgen. Ein Kollege von mir fragt in seinen Seminaren immer: „Wer hat heute bei allen geführten Gesprächen wirklich zugehört?“ – und noch nie hat jemand aufgezeigt!

Warum ist Zuhören so schwierig?

Aufmerksames Zuhören wird erst durch eine altero-zentrierte Grundhaltung ermöglicht (schon laut Platon ein elementares Merkmal der Gesprächsfähigkeit). Das ist die Alternative zur ego-zentrierten Haltung, bei der sich alles stets um das eigene Gesprächsanliegen und/oder die eigene Person dreht. Schlechte Zuhörer entwickeln schon während der Aussage des Anderen eigene Gedanken und fallen dem Partner häufig ins Wort. Und wir sind ja tatsächlich zum schnellen Liefern von Informationen erzogen worden. Auch im Beruf oder im Freundeskreis wollen wir nicht Gefahr laufen, uns eine Blöße zu geben. Es kann auch schon einmal passieren, dass wir aus Angst vor Profilverlust dominant werden. Überdies leben wir in einer schnell getakteten Zeit. Informationen prasseln in kurzen Intervallen auf uns ein und so dauern die Aufmerksamkeitsphasen im alltäglichen Zuhören meist nicht länger als 30 Sekunden. „Eins, zwei, drei im Sauseschritt …“

Gutes Zuhören widmet hingegen der sprechenden Person Zeit und Aufmerksamkeit. Es ist ein Ausdruck von Wertschätzung. Ein guter Gesprächspartner verlässt während des Zuhörens die eigene Position und versucht, den anderen und seine Beweggründe zu verstehen. Er „geht in den Mokassins des anderen“, wie die Native Americans sagen. Er verlässt also seine innere Welt und versucht, in die Welt des Gegenübers hineinzuschnuppern. Er hört also viel mehr auf das, was nicht gesagt wurde, als auf das, was er tatsächlich zu hören vermeinte. Ein gutes Hilfsmittel dafür ist das Aktive Zuhören, wie es seit dem Mittelalter (z. B. im scholastischen Disput) gelehrt wird. Man wiederholt Aussagen des Partners in anderen Worten und signalisiert so: Es ist mir wichtig, Dich zu verstehen. Verstehe ich Dich richtig?

Denn das Um und Auf der Kommunikation ist das Verstehen. Ohne Verstehen gibt es keine Partnerschaft, keinen Erfolg, keine Freude. Es wird kriegerisch und einsam. Leider verstehen wir einander nicht automatisch. Jeder lebt in einer eigenen Sprachwelt: unsere individuellen Sprachinhalte sind mit persönlichen Bedeutungen/Erfahrungen/Ideen besetzt. Wir hören selektiv und verstehen projektiv; also unvollständig und unsere Welt in die Aussage des anderen hineininterpretierend. – Womit wir wieder bei den Mokassins des anderen wären. Oder bei Goethe, der sagte: „Es hört doch jeder nur, was er versteht.“

Kann man denn, dem Zeitgeist zum Trotz, Zuhören lernen? - Im eigenen Interesse: ja! Warum im eigenen Interesse? Weil sich die Zeit des Zuhörens als Zeit des Loslassens bewähren wird; sie gönnen sich selbst Stille und können sich auf die Aussagen des anderen konzentrieren. Das vermeidet im Übrigen energie- und zeitraubende Missverständnisse und ermöglicht es Ihnen auch, etwaige Täuschungsversuche (von Gesprächspartnern, Politikern, Medien) sofort herauszuhören.

Üben können Sie jederzeit. Vielleicht will Ihre Kollegin ja gar nicht Ihren Rat, sondern nur Ihr Verständnis? Vielleicht wäre Ihrer Partnerschaft in einem bestimmten Moment mehr gedient, wenn Sie Ihrem Mann signalisieren, mehr erfahren zu wollen, anstatt Ihre Sichtweise vom Stapel zu lassen? Vielleicht ist Ihrer Tochter gar nicht geholfen, wenn sie ihr aufdrängen, wie das alles in Ihrer Jugend ganz anders gelaufen ist? Vielleicht würde Ihr Freund – mit Ihrer Zuhör-Hilfe - die Lösung für sein Problem viel eher finden, als Sie!?

Sprechtrainerin Petra Maria Berger: "Darüber freuen wir uns." (Foto: www.weinfranz.at)

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