SPRECH-Nachrichten, 14. April 2017

Leitartikel: „Wer ohne Punkt und Komma spricht …“

Satzzeichen machen eine Sprache verständlich, indem sie Sinneinheiten schaffen, Akzente setzen und unterschiedliche Bedeutungen ermöglichen: „Wir essen Kurt.“ heißt nun einmal ganz etwas anderes als „Wir essen, Kurt!“, oder „Wir essen! - Kurt?“ Oder „Wir essen Kurt?“

Aneinandergereihte Worte sind keine Privatsache; Sprache ist eine soziale und gesellschaftliche Vereinbarung. Um einander verstehen zu können, tun wir gut daran, uns an diese Abmachungen zu halten. Sprechen Sie die obigen „Kurt-Aussagen“ laut aus, und es erklärt sich von selbst, dass Satzzeichen eine melodische und rhythmische Sprech-Anleitung sind. Ein Punkt fordert einen Tiefschluss (man geht mit der Stimme hinunter), ein Beistrich und ein Fragezeichen ziehen die Satzmelodie hoch. Gedankenstriche, Beistriche und Doppelpunkte fordern ebenso eine Sprechpause wie Auslassungspunkte oder Anführungszeichen.

In einer getreuen Niederschrift so mancher Redesequenzen wären allerdings fast keine Punkte zu setzen, und Beistriche würden, da Aussagen ohne Punkte immer endlos lang werden, richtiggehend inflationär und oft auch ganz falsch gesetzt werden.
„Sehr geehrte Damen und Herren? [Warum nur stellen so viele Rednerinnen eine Anrede in Frage?] Wir freuen uns dass Sie, so zahlreich unserer Einladung gefolgt sind, wir haben heute ein interessantes Programm für Sie zusammengestellt und hoffen …“
„Guten Abend beim Wetter, die schönen Tage sind vorbei, wir erwarten vom Westen her, ein Tief das heute Nacht noch - große Regenmengen bringt und erst im Laufe der Woche weiterziehen wird, dann aber ...“

Wie in der Musik hören wir gern Rhythmisches und Melodisches. Selbst der „One-Note-Samba“ von Antônio C. Jobim hat eine Melodie und vor allem einen sehr mitreißenden Rhythmus. Und auch eine einfache Polka im 2/4-Takt macht durch Pausen und sehr eingängige Melodien das Zuhören zur Freude. Theodor Adorno schrieb: „In keinem ihrer Elemente ist die Sprache so musikähnlich wie in den Satzzeichen.“

Durch Satzzeichen können Sie eine überzeugende Sprachmelodie erschaffen. Also: geben Sie Ihren Worten Bedeutung und „heben sie hervor“, betonen Sie, strukturieren Sie (vor allem bei langen Sätzen) und … lassen Sie das Gesagte … auch manchmal … ein wenig (nach-)wirken …

Viel Spaß beim akustischen Bildermalen, beim Komponieren und Improvisieren!

Sprechtechnik-Tipp zum Leitartikel

Wer ohne Hände spricht, läuft Gefahr eintönig, schnell, unartikuliert und pausenlos zu werden. Warum? Weil in unserem Gehirn das Zentrum für Motorik und das Zentrum für Sprache miteinander verbunden sind. Eine gängige Lehrmeinung ist, dass unsere Sprache aus der Gestik entstanden ist. Jedenfalls ist Pausensetzung, Sprachmelodie und Akzentuierung ohne Zuhilfenahme der Hände (es können ggf. auch nur die Finger sein, tunlichst aber nicht ein rhythmisches Kopfnicken) nicht möglich.

Wie immer empfehle ich Ihnen, dass Sie maßlos übertreiben beim Ausprobieren und Üben: Sprechen Sie die ersten Minuten einer Laudatio/Begrüßung/Präsentation, die Sie schon einmal gehalten haben - oder die Sie einmal halten könnten - auf Ihr Mobiltelefon (fast alle Handys haben eine solche Diktiergerät-Funktion). Und jetzt spielen Sie Maestra, bzw. Maestro! Nehmen Sie Ihre Position vor einem imaginären Publikum ein und dirigieren Sie nun ausladend, mit beiden Händen, Ihre Worte.

Vergleichen Sie die Aufnahmen! Welche gefällt Ihnen besser?

Sprechtrainerin Petra Maria Berger: "Darüber freuen wir uns." (Foto: www.weinfranz.at)

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